Droht eine neue Stromtrasse durch den Reichswald?

Geplanter Neubau der Stromtrasse P53 – etwa 135 Hektar Wald stehen zur Disposition

18.05.2018

Die Fa. Tennet plant den Neubau einer 380-Kilovolt-Höchstspannungsleitung zwischen dem Umspannwerk Raitersaich (Lkr. Fürth) über Wolkersdorf (Stadt Schwabach), Kornburg, Katzwang (Stadt Nürnberg), Wendelstein (Lkr. Roth), Schwarzenbruck und Winkelhaidt zum Umspannwerk Ludersheim (Lkr. Nürnberger Land) und weiter Richtung Süden über Postbauer-Heng (Lkr. Neumarkt). Die Trasse soll zwar dem Verlauf der bestehenden 220-Kilovolt-Leitung folgen und diese ersetzen, diese führt aber derzeit zum Teil mitten durch Wohngebiete.

Im Rahmen eines Ortstermins verdeutlichten Vertreter des BUND Naturschutz, was hier auf dem Spiel steht:

„Wir gehen davon aus, dass die geplante Trasse eine Stützfunktion für die hochumstrittene Süd-Ost-Link-Leitung (HGÜ) durch Ostbayern hat. Bislang lassen sich die Netzbetreiber ja nicht in die Karten schauen, um das zu klären. Weil diese HGÜ-Leitung die regionale Energiewende behindert und wir die Leitung deshalb zusammen mit den vielen Bürgerinitiativen ablehnen, fordern wir zunächst einmal Aufklärung über den Zweck der neuen Leitung P53, und zwar noch vor einem offiziellen Planungsverfahren“, so Tom Konopka, Regionalreferent des BN.

„Die bestehende 220-Kilovolt-Leitung führt durch eine Reihe von Ortschaften wie Nürnberg-Katzwang. Nach unseren Abschätzungen stehen derzeit allein in diesem Ortsteil ca. 270 Wohnhäuser allein im 200-Meter-Abstand zur Trasse. Auf der ganzen Länge Raitersaich bis Ludersheim sind es ca. 3.000 Wohnhäuser. Selbstverständlich muss bei einer Erhöhung der Spannung auf 380 Kilovolt eine gesundheitliche Gefährdung ausgeschlossen werden“, so Wolfgang Dötsch, Geschäftsführer der Kreisgruppe Nürnberg-Stadt.

Folgend dem Vorsorgeprinzip fordert der BUND Naturschutz in Bayern e.V., gemeinsam mit seinem Bundesverband BUND e.V., einen Abstand von ca. 600 Metern zu Wohnbebauung. „Es ist zu befürchten, dass die neue Trasse nicht auf der bestehenden Trasse, sondern daneben errichtet werden soll. Das bedeutet, dass Wald gerodet werden müsste. In einigen Bereichen würde die Trasse wohl auch aus den Ortschaften verlegt werden. Das kostet dann noch mal Wald. Wir haben es abgeschätzt: Im Reichswald und bei Raitersaich müssten bei üblicher Bauweise etwa 135 Hektar gerodet werden. Das können wir auf keinen Fall zulassen. Zuletzt haben wir mit der BI Feucht und dem BN ein Gewerbegebiet mit 15 Hektar Umfang verhindern können. Hier geht es fast um das Zehnfache!“, so Stefan Pieger, Vorsitzender der Ortsgruppe Wendelstein.

Der BUND Naturschutz fordert von Tennet und der für das Anhörungsverfahren zuständigen Regierung, dass zunächst die Frage geklärt wird, ob die Hochspannungsleitung P53 als Redundanzleitung für Süd-Ost-Link gebaut werden soll. Dazu müssen die entsprechenden Daten zur aktuellen und geplanten Durchleitung offengelegt werden, wie dies bei Straßenbauplanungen (Verkehrszählungen, Verkehrsmatrix, Verkehrsprognose) üblich ist.

Des Weiteren fordert der BUND Naturschutz wegen des hohen Raumwiderstands im Reichswald (Vogelschutzgebiet, Bannwald) und des nötigen Gesundheitsschutzes Gutachten zu erstellen, die die Möglichkeit der Waldüberspannung, die Möglichkeit der teilweisen Erdverkabelung im Bereich der Wohngebiete und den Einsatz flächensparender Kompaktmasten untersuchen und beschreiben.

Die Raumwiderstandsanalyse soll, sobald bei Tennet vorhanden, offengelegt und die BürgerInnen frühzeitig in die Planungen einbezogen werden.

Hintergrund

Derzeit besteht im Gebiet die 220-Kilovolt-Hochspannungsleitung Raitersaich - Ludersheim (Abschnitt 1; M54; 40 km) und Ludersheim - Altheim (Abschnitt 2; M350; 119km). Sie führt weiter als M431 Irsching - Sittling (25 km).

Ihre Aufrüstung zu einer 380-Kilovolt-Hochspannungsleitung P53 ist in den Netzentwicklungsplan (NEP) von der Bundesregierung aufgenommen worden. Mit der Spannungserhöhung ginge eine Erhöhung der elektrischen Leistung und eine deutliche Erhöhung der elektromagnetischen Strahlung einher.

Anfang 2019 soll dazu ein Raumordnungsverfahren stattfinden. Das ist angesichts der landesplanerischen Belange wie europäische Schutzgebiete und Bannwald auch unbedingt nötig.

Die Staatsregierung und der Landtag haben im neuen Landesentwicklungsprogramm (LEP) soeben einen Mindestabstand von 400 bzw. 200 Metern zu solchen Freileitungen als Vorgabe aus Gründen der Sichtbarkeit (!) festgelegt. Ein klarer Mindestabstand wäre zur nötigen Verbesserung der Gesundheitsvorsorge vor den Belastungen durch elektromagnetische Strahlung nötig.

Zur Begleitung der Planungen und zur Klärung der Forderungen der betroffenen Anlieger hat sich bereits ein Bündnis „BI-Allianz P53“ gegründet, dem zahlreiche örtliche Bürgerinitiativen und Bürgervereine aus acht betroffenen Gemeinden angehören (BI Raitersaich, Bürgerverein Katzwang, Bürgerverein Kornburg, IG Wendelstein, BI Schwarzenbruck, BI Winkelhaid, BI Ezelsdorf, BI Postbauer-Heng). Der BUND Naturschutz kooperiert mit der BI-Allianz P53.

Von der derzeitigen Leitung betroffene Wohngebäude

Der BN hat mithilfe Aktiver aus dem Bündnis untersucht, wie viele Wohnhäuser in der Region derzeit zur 220-Kilovolt-Leitung im Abstand von bis zu 200 Metern stehen:

Raitersaich (Lkr. Fürth-Land): 97; Roßtal-Clarsbach (Lkr. Fürth-Land): 43; Rohr-Regelsbach (Lkr. Roth): 79; Schwabach-Wolkersdorf (Stadt Schwabach): 64; Nürnberg-Katzwang (Stadt Nürnberg): 270; Nürnberg-Kornburg (Stadt Nürnberg): 68; Wendelstein (Lkr. Roth): 825; Schwarzenbruck (Lkr. Nürnberger Land): 2; Winkelhaid (Lkr. Nürnberger Land): 825; Altdorf-Ludersheim (Lkr. Nürnberger Land): 60; Burgthann-Schwarzenbach (Lkr. Nürnberger Land): 0; Burgthann-Ezelsdorf (Lkr. Nürnberger Land): 216; Postbauer-Heng (Lkr. Neumarkt): 530; Gesamt: 3.079

Reichswaldbetroffenheit bei üblicher Bauweise

Der BUND Naturschutz hat überschlagen, wie viel Reichswald zur Disposition stünde, wenn – wie bisher üblich – die neue Leitung neben der bestehenden Leitung errichtet würde. Tennet hat BN-Vertretern gegenüber erklärt, dass die bestehende Leitung zu keinem Zeitpunkt abgeschaltet werden könne. D.h. auch bei einem Ausbau auf bestehender Trasse (so der Auftrag) würde praktisch eine neue Leitung daneben gebaut und die alte dann später abgebaut. Bei Einhaltung eines Abstands von 400 Metern zu Wohngebäuden müsste an zahlreichen Stellen eine neue Schneise durch den Wald geschlagen werden. Allein im Abschnitt Raitersaich - Ludersheim sind auf 15,9 Kilometern (41%) Waldflächen betroffen.

Für traditionelle Donaumasten wäre eine Trassenbreite von ca. 85 Metern nötig. Hier wären 135 Hektar Wald zu roden. Dies kann sich auch noch deutlich erhöhen, wenn z.B. die Trasse im Reichswald um Winkelhaid herumgelegt werden sollte. Eine Rodung dieses Ausmaßes wird der BN nicht akzeptieren!

Netzoptimierung vor Ausbau

Der BUND Naturschutz fordert im Rahmen der Energiewende grundsätzlich den Vorrang der Netzoptimierung vor dem Netzausbau (Neubau von Stromtrassen). Bei der geplanten Aufrüstung von 220 KV auf 380 KV scheint es sich zunächst um solch eine Netzoptimierung zu handeln. Allerdings bestehen für den BN berechtigte Zweifel, ob dies stimmt. Die Netzagentur rückt die zur Beurteilung der nötigen Kapazitäten nicht heraus. Ohne diese Daten muss angenommen werden, dass die geplante Leitung eine sog. Redundanzleitung für die höchst umstrittene und vom BN mit vielen Bürgerinitiativen bekämpfte Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitung (HGÜ) Süd-Ost-Link darstellen würde. Dies gilt es für den BN zunächst abzuklären.

Waldüberspannung

Waldüberspannung ist eine Methode, die zwar nicht ohne Eingriff in Natur und Landschaft auskommt, jedoch den Waldeingriff minimieren kann. Dabei werden die Leitungsmasten so hoch gebaut, dass die Stromkabel auch bei Durchhängen über den Wipfeln der Bäume verbleiben. Dies erhöht zwar den Landschaftseingriff, da die Trasse auch von weit her zu sehen wäre, reduziert aber die nötigen Rodungen. Waldüberspannungen sind dem BN aus Hessen z.B. zwischen Dietzenbach und Rodgau bekannt.

Kompaktmasten

Im Gegensatz zum in Deutschland üblichen Standardmast („Donaumast“) wurde zuletzt von einer regionalen Firma ein Betonmast entwickelt, der nach ersten gutachterlichen Betrachtungen weniger Eingriff in Natur und Landschaft bedeutet. Mangels eigener Prüfungen kann der BN dazu noch keine abschließenden Bewertungen treffen, fordert aber, auch diese als Option mit in die Planungen einzubeziehen.