Südstadt: akute Grünverluste

BN erstellt Grünbilanz der Südstadt seit 2009. Dramatischen Verlusten stehen nur wenige Neupflanzungen gegenüber.

Pressemitteilung vom 19. September 2018

Geringer Baumbestand in Nürnberg

Rund 28.000 Bäume finden sich entlang der Straßen Nürnbergs. Statistisch gesehen kommt auf 39,5 Meter ein Straßenbaum. Um den Mindeststandard (pro 25 Meter Straßenlänge ein Baum) zu erreichen, wären 44.000 Straßenbäume notwendig. Für Nürnberg bedeutet das ein Defizit von 16.000 Bäumen. Im direkten Vergleich zu anderen Städten mit ähnlicher Größe schneidet Nürnberg schlecht ab. Mit 151 Straßenbäumen pro Quadratkilometer und 18 Einwohnern pro Baum findet sich Nürnberg auf den hinteren Rängen.
Unzählige Anfragen zu Grünverlusten und gefällten Bäumen erreichen den BUND Naturschutz seit Jahrzehnten. Die subjektive Einschätzung, dass mehr Grün verschwindet als neu geschaffen wird, konnte der Naturschutzverband bisher nie überprüfen.

Google erlaubt Blick zurück

Mit dem Programm Google Earth Pro kann man allerdings auch flächendeckend ältere Luftbilder betrachten. Dies ermöglichte dem BN nun erstmalig, Veränderungen der Südstadt-Vegetation systematisch zu erfassen. Aufgrund der abnehmenden Qualität der Fotos wurde das Jahr 2009 als Ausgangslage verwendet sowie die aktuellste Aufnahme vom 23.08.2017 als Vergleichsjahr herangezogen.

75 % Verlust und nur 25 % Neupflanzung

Seit 2009 wurden in der Südstadt an 119 Standorten Veränderungen vorgenommen, die das Stadtbild langfristig prägen. Die subjektive Vermutung, dass der Anteil an Grünverlusten überwiegt, kann dank der ausführlichen Nachforschungen des BUND Naturschutz jetzt bestätigt werden. Zwar sind Flächen und einzelne Bäume im Luftbild nicht immer sicher zu erfassen, die Gegenüberstellung von Verlust und Grüngewinn zeigt aber eine eindeutige Tendenz.
Drei Viertel der Eingriffe entsprechen dem Verlust an Grünfläche sowie Gehölzstruktur. Gründe hierfür sind unter anderem Umwandlung ursprünglich begrünter Flächen hin zu Parkplätzen, Gebäuden, Baustellen oder versiegelten Böden. Lediglich ein Viertel dieser Eingriffe entsprechen der Gewinnung von neuen Grünflächen und Einzelbäumen. Keinesfalls eine Entwicklung, die sich in der Waage hält.
Der Bauboom der letzten zehn Jahre führt gerade auch in absoluten Defizitbereichen zu weiteren Verlusten, die durch neue Grünanlagen in keiner Form kompensiert werden können. Oft sind es Stadtbrachen, die jahrzehntelang ungenutzt waren, welche aber einen attraktiven Naturwuchs an Bäumen und Sträuchern aufweisen. Diese Gehölze verschwinden schleichend, tragen jedoch wesentlich zur städtischen Grünversorgung bei.

Stadtbäume haben es schwer

Dabei haben es Gehölze in Nürnberg schon schwer. Urbane Lebensräume sind ein hartes Pflaster und oft fehlt der politische Rückhalt.
Die Bedingungen in der Stadt belasten Bäume stark und führen schließlich zu einem frühzeitigen Absterben. Hierzu gehören unter anderem Trockenheit und Hitze sowie verdichtete Böden und Versiegelung. Darüber hinaus kommt es zu mehr Krankheiten aufgrund des extremen Stadtklimas und zu Schäden durch Baustellen sowie Verkehrssicherung. Der Jahrhundertsommer 2018 wird sicher unzähligen Stadtbäumen das Leben kosten, ohne dass das in der BN-Untersuchung berücksichtigt ist.
Auf politischer Ebene hat sich bereits in der Vergangenheit eine Lockerung der einstigen Richtlinien zum Schutz der Bäume vollzogen. Ursprünglich waren Bäume mit einem Baumumfang von 60 cm Bestandteil der Baumschutzverordnung. Dieser Wert wurde Ende der 90er Jahre unter der CSU-Stadtratsmehrheit auf 80 cm eingeschränkt. Gerade bei Bauverfahren kann man für einen erheblichen Anteil der Bäume keine Nachpflanzung mehr einfordern.

Appell für eine grünere Stadt

Gemeinsam dem Defizit an städtischer Begrünung entgegenwirken! Ein Ziel des BUND Naturschutz, das nicht nur durch die tatkräftige Mithilfe seitens der Nürnberger vorangetrieben werden könnte. Die Möglichkeit einer Baumpatenschaft und privater Baumpflanzungen ist schließlich eng begrenzt. Die Stadt braucht ein vielfältiges Programm für mehr Grün. Der BUND Naturschutz fordert daher:

  • ein Förderprogramm zur Umgestaltung von versiegelten Höfen hin zu begrünten Flächen sowie Dach- und Fassadenbegrünungen.
  • sofortige Nachpflanzung von abgestorbenen Bäumen im öffentlichen Bereich vorzugsweise mit heimischen Bäumen (keine jahrelang verwaisten Baumstandorte)
  • regelmäßige Bewässerung und Aufbau von Wässerkapazitäten, die auf regelmäßige Jahrhundertsommer ausgelegt sind
  • verbesserter Baumschutz über eine schärfere Baumschutzverordnung
  • Programm zur Schaffung von Westentaschenparks in der Kernstadt
  • 100-Bäume-Pflanzprogramm mit Schwerpunkt Südstadt und insbesondere entlang von Grünzügen

Die Ergebnisse der BN-Untersuchung sind alarmierend und sollten zum Umdenken anregen. Bisherige Maßnahmen konnten den Grünverlust in der Stadt offensichtlich nur bremsen. Allein ein konzertiertes Programm ist daher aus Sicht des BN in der Lage, städtisches Grün zu vermehren.

Pressemitteilung als PDF zum Download