Kastanienallee Zeppelinfeld
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren des Stadtrats,
hiermit regt der BUND Naturschutz, Kreisgruppe Nürnberg, nachdrücklich an, die Kastanienallee vor der Zeppelintribüne auf dem Reichsparteitagsgelände als Naturdenkmal im Sinne des § 28 Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) in Verbindung mit dem Bayerischen Naturschutzgesetz (BayNatSchG) unter Schutz zu stellen.
Die betreffende Baumreihe erfüllt in herausragender Weise die gesetzlichen Voraussetzungen einer Einzelschöpfung der Natur, deren Erhaltung wegen ihrer Eigenart, landeskundlichen, historischen sowie ökologischen Bedeutung im öffentlichen Interesse liegt.
Die Kastanienallee stellt eine gewachsene, klimawirksame Grünstruktur in einem großflächig versiegelten und hitzeexponierten Stadtraum dar; ihre Bedeutung ergibt sich insbesondere aus der erheblichen Verschattungswirkung und der Reduktion der Oberflächentemperaturen, der Verdunstungskühlung durch ihre ausgeprägte Blattmasse, der Bindung von Feinstaub und Luftschadstoffen sowie der Verbesserung des lokalen Mikroklimas für die Nutzer des Zeppelinfelds. Gerade im Kontext zunehmender Hitzebelastungen urbaner Räume kommt dem Erhalt alter, großkroniger Bäume eine herausragende Bedeutung zu, da diese Leistungen durch Neupflanzungen auf absehbare Zeit nicht kompensiert werden können. Zugleich erfüllt die Allee als lineares Gehölzelement eine bedeutsame Funktion für die urbane Biodiversität, indem sie als Lebensraum, Nahrungsquelle und ökologischer Trittstein für Vögel, Insekten und weitere Organismen dient und als strukturgebender Korridor zur Vernetzung innerstädtischer Grünräume beiträgt; ihre Entfernung würde daher eine spürbare Verschlechterung der ökologischen Qualität des Standorts bewirken. Diese Bäume bieten Besuchern der Gedenkstätte als einzige im Sommer bisher Schatten, was ihren besonderen Wert unterstreicht.
Besondere Schutzwürdigkeit erwächst der Kastanienallee darüber hinaus aus ihrer historischen und landeskundlichen Bedeutung; es spricht vieles dafür, dass die Baumreihe in der Nachkriegszeit durch die US-Armee gepflanzt wurde, die das Zeppelinfeld nach 1945 als „Soldiers Field“ nutzte und den Ort damit einer bewussten Umdeutung unterzog, weshalb der Allee eine eigenständige erinnerungskulturelle Qualität zukommt, da sie als Ausdruck der Aneignung, Entmachtung und Transformation eines zentralen Ortes nationalsozialistischer Inszenierung verstanden werden kann. Von besonderem Gewicht ist dabei, dass die Kastanien die ursprüngliche Sichtachse zwischen der sogenannten „Führerkanzel“ der Zeppelintribüne und dem Zeppelinfeld unterbrechen; sollte diese Pflanzung – wofür gewichtige Indizien sprechen – gezielt erfolgt sein, dokumentiert sie eine bewusste Brechung der nationalsozialistischen Raumdramaturgie und stellt damit ein materielles Zeugnis der demokratischen Nachkriegsordnung dar. Soweit dem entgegengehalten wird, die Baumreihe beeinträchtige die historische Sichtbeziehung der Tribüne, ist dem entschieden zu widersprechen; die Wiederherstellung dieser Sichtachse würde nicht einen neutralen historischen Zustand rekonstruieren, sondern die ästhetische Funktionslogik einer nationalsozialistischen Propagandaanlage, deren Ziel die Inszenierung von Macht, Unterordnung und Massenwirkung war, sodass ein verantwortungsvoller Umgang mit diesem Ort nicht darin bestehen kann, diese Inszenierung räumlich wiederherzustellen. Demgegenüber bewahrt die Kastanienallee gerade den historischen Bruch nach 1945 und macht die Überlagerung der Geschichte sichtbar; sie steht für die Distanzierung von der Täterperspektive und verleiht dem Ort eine zusätzliche demokratische Bedeutungsebene.
In der gebotenen Abwägung der öffentlichen Belange überwiegen daher die naturschutzfachlichen, klimatischen und erinnerungskulturellen Gründe für den Erhalt der Allee deutlich gegenüber etwaigen denkmalpflegerischen Erwägungen, die auf eine Rekonstruktion der ursprünglichen Sichtachsen gerichtet sind. Die Kastanienallee vor der Zeppelintribüne ist damit in ihrer Gesamtheit eine Einzelschöpfung der Natur mit außergewöhnlicher ökologischer, klimatischer und historischer Bedeutung, deren Schutzwürdigkeit sich gerade aus dem Zusammenwirken dieser Aspekte ergibt.
Ich rege daher an, ein Verfahren zur Ausweisung der Kastanienallee als Naturdenkmal einzuleiten, die fachliche Bewertung durch die Untere Naturschutzbehörde der Stadt Nürnberg vorzunehmen und im Rahmen der erforderlichen Abwägung insbesondere die Bedeutung der Allee als Beitrag zur Klimaanpassung sowie als Ausdruck der Nachkriegsgeschichte angemessen zu berücksichtigen.
Klaus-Peter Murawski, 1. Vorsitzender des BUND Naturschutz in Bayern e.V. Kreisgruppe Nürnberg




