Weißbuch-Klimaresilientes Nürnberg 2045
Weißbuch des Bund Naturschutz in Bayern e. V. – Kreisgruppe Nürnberg
Nürnberg steht an einem Wendepunkt seiner Stadtentwicklung.
Der Klimawandel verändert bereits heute die Lebensbedingungen in unserer Stadt grundlegend. Längere Hitzeperioden, eine steigende Zahl von Tropennächten, zunehmende Starkregenereignisse und längere Trockenphasen sind keine Zukunftsszenarien mehr, sondern Realität. Besonders ältere Menschen, Kinder, chronisch Kranke sowie Bewohnerinnen und Bewohner dicht bebauter Quartiere sind den gesundheitlichen Belastungen zunehmend ausgesetzt.
Der Hitze-Check 2026 der Deutschen Umwelthilfe zeigt, dass Nürnberg beim Schutz seiner Bevölkerung vor den Folgen extremer Hitze erheblichen Handlungsbedarf hat. Gleichzeitig dokumentiert der Hitzeaktionsplan der Stadt Nürnberg eindrucksvoll die wachsenden gesundheitlichen Risiken und beschreibt zahlreiche Maßnahmen zur Unterstützung der Bevölkerung während Hitzeereignissen.
Beide Dokumente leisten einen wichtigen Beitrag. Sie greifen jedoch zu kurz, wenn sie überwiegend die Folgen der Überhitzung behandeln. Das eigentliche Ziel muss sein, die Entstehung urbaner Hitzeinseln wirksam zu verhindern.
Dieses Weißbuch schlägt deshalb einen grundlegenden Perspektivwechsel vor.
Nicht die Anpassung an eine immer heißere Stadt darf im Mittelpunkt stehen, sondern die konsequente Gestaltung einer Stadt, die sich selbst wirksam kühlt.
Hierfür besitzt Nürnberg hervorragende Voraussetzungen. Die Pegnitzauen, das Knoblauchsland, die weitläufigen Grünzüge, die historisch gewachsenen Parkanlagen sowie die im Stadtklimagutachten kartierten Kaltluftentstehungsgebiete bilden ein einzigartiges natürliches Kühlsystem. Dieses System ist jedoch durch zunehmende Versiegelung, Flächenverbrauch, Verlust großer Stadtbäume und die Bebauung klimawirksamer Freiflächen gefährdet.
Der Bund Naturschutz ist überzeugt:
Klimaanpassung darf nicht auf Sonnenschirme, Trinkwasserbrunnen oder Kühlräume reduziert werden. Entscheidend ist eine Stadtentwicklung, welche die natürlichen Kühlmechanismen stärkt und nicht weiter schwächt.
Dieses Weißbuch versteht sich daher nicht als Sammlung einzelner Forderungen, sondern als langfristige Strategie für ein klimaresilientes Nürnberg bis zum Jahr 2045.
Es verbindet aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse mit internationalen Beispielen erfolgreicher Klimaanpassung und entwickelt daraus konkrete Leitlinien für die Nürnberger Stadtentwicklung.
Im Mittelpunkt stehen fünf Grundprinzipien:
- Entsiegelung statt weiterer Flächenversiegelung,
- urbane Stadtwälder statt isolierter Einzelmaßnahmen,
- konsequenter Schutz aller Kaltluftschneisen und Frischluftentstehungsgebiete,
- die flächendeckende Umsetzung des Schwammstadt-Prinzips,
- sowie eine Stadtplanung, die Gesundheit, Biodiversität und Klimaanpassung als gleichrangige öffentliche Interessen berücksichtigt.
Der Klimawandel zwingt uns dazu, Stadtentwicklung neu zu denken.
Die klimaresiliente Stadt ist nicht Verzicht, sondern Gewinn: mehr Lebensqualität, bessere Gesundheit, höhere Aufenthaltsqualität, mehr Biodiversität und langfristig geringere volkswirtschaftliche Kosten.
Nürnberg besitzt das Potenzial, Vorbild für eine klimaangepasste Großstadt in Deutschland zu werden.
Dieses Weißbuch soll einen Beitrag dazu leisten.
Kapitel 1
Die wissenschaftliche Ausgangslage
Warum Nürnberg jetzt handeln muss
Der Klimawandel ist längst in Nürnberg angekommen. Die Zahl der Hitzetage und Tropennächte nimmt kontinuierlich zu. Hitzeperioden dauern länger an und werden durch ausbleibende nächtliche Abkühlung zunehmend zu einer Belastung für die Gesundheit der Bevölkerung. Besonders betroffen sind dicht bebaute Stadtquartiere mit hoher Versiegelung, geringer Durchgrünung und schlechter Frischluftversorgung.
Die Ursachen dieser Entwicklung liegen nicht allein im globalen Klimawandel. Sie werden innerhalb der Stadt durch den sogenannten Wärmeinseleffekt erheblich verstärkt. Asphalt, Beton und Gebäude speichern tagsüber große Wärmemengen und geben diese nachts wieder ab. Gleichzeitig verhindern versiegelte Flächen die Verdunstung von Wasser, die zu den wichtigsten natürlichen Kühlmechanismen gehört.
Die Deutsche Umwelthilfe bestätigt diese Entwicklung mit ihrem Hitze-Check 2026. Nürnberg weist erhebliche Defizite bei der Baumüberschirmung auf und gehört zu den Großstädten mit einer hohen Hitzebelastung. Die fortschreitende Versiegelung verschärft diese Situation zusätzlich.
Der Hitzeaktionsplan der Stadt Nürnberg beschreibt die gesundheitlichen Folgen zunehmender Hitze und enthält zahlreiche Maßnahmen zum Schutz besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen. Dazu gehören Hitzewarnungen, Informationen zum richtigen Verhalten, Trinkwasserangebote und die Ausweisung kühler Aufenthaltsorte.
Diese Maßnahmen sind notwendig und sinnvoll. Sie setzen jedoch überwiegend dann an, wenn die Hitze bereits entstanden ist.
Demgegenüber zeigt das Nürnberger Stadtklimagutachten einen anderen Weg auf. Es identifiziert die natürlichen Klimafunktionen der Stadt und macht deutlich, welche Flächen für die nächtliche Kaltluftbildung und den Luftaustausch unverzichtbar sind. Besonders die großen Freiflächen am Stadtrand sowie die Kaltluftleitbahnen übernehmen eine zentrale Funktion für die Durchlüftung der Stadt. Werden diese Bereiche bebaut oder eingeengt, verliert Nürnberg dauerhaft einen Teil seiner natürlichen Kühlleistung.
Hinzu kommt der fortschreitende Verlust unversiegelter Böden. Jeder versiegelte Quadratmeter reduziert die Fähigkeit des Bodens, Regenwasser aufzunehmen, zu speichern und durch Verdunstung zur Abkühlung beizutragen. Gleichzeitig sinkt die biologische Vielfalt, während das Risiko von Starkregenüberflutungen steigt.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen übereinstimmend, dass insbesondere fünf Faktoren das Stadtklima positiv beeinflussen:
große zusammenhängende Grünflächen,
alte, großkronige Stadtbäume,
entsiegelte und wasserdurchlässige Böden,
offene Kaltluftschneisen und Frischluftentstehungsgebiete,
Wasserflächen sowie Dach- und Fassadenbegrünungen.
Diese Faktoren wirken nicht isoliert, sondern bilden gemeinsam das natürliche Kühlsystem einer Stadt.
Für Nürnberg folgt daraus eine grundlegende Schlussfolgerung: Der wirksamste Hitzeschutz beginnt nicht mit dem Aufstellen zusätzlicher Trinkwasserbrunnen oder der Einrichtung klimatisierter Räume. Er beginnt bei der Stadtplanung. Jede Entscheidung über Flächennutzung, Bebauung, Verkehr oder Freiraumentwicklung beeinflusst das Stadtklima über Jahrzehnte hinweg.
Das Ziel muss deshalb sein, die natürlichen Kühlmechanismen Nürnbergs zu erhalten, zu stärken und miteinander zu vernetzen. Dieses Weißbuch versteht Klimaanpassung daher als zentrale Aufgabe einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung und als unverzichtbaren Bestandteil der kommunalen Daseinsvorsorge.
Kapitel 2
Die klimatischen Lebensadern Nürnbergs
Warum Freiräume, Kaltluftschneisen und Stadtgrün unverzichtbare Infrastruktur sind
Nürnberg verfügt trotz seiner dichten Bebauung über außergewöhnlich wertvolle natürliche Klimaräume. Sie bilden gemeinsam ein großräumiges Kühlsystem, das in seiner Bedeutung für die Gesundheit der Bevölkerung kaum überschätzt werden kann. Dieses System ist das Ergebnis des Zusammenwirkens von Freiflächen, Wäldern, Flussauen, unversiegelten Böden und den im Stadtklimagutachten kartierten Kaltluftentstehungsgebieten und Luftleitbahnen.
Während tagsüber insbesondere vegetationsreiche Flächen deutlich niedrigere Oberflächentemperaturen aufweisen als bebaute Bereiche, entsteht in den Abend- und Nachtstunden auf offenen Grün- und Landwirtschaftsflächen Kaltluft. Diese fließt entsprechend dem Geländerelief in Richtung der dichter bebauten Stadtteile und sorgt dort für die dringend benötigte nächtliche Abkühlung.
Diese natürliche Klimaanlage arbeitet kostenlos, emissionsfrei und rund um die Uhr. Ihre Leistungsfähigkeit ist jedoch nicht unbegrenzt. Jede zusätzliche Bebauung, jede Versiegelung und jede Verengung der Luftleitbahnen schwächen ihre Wirkung dauerhaft.
Zu den bedeutendsten klimatischen Ausgleichsräumen Nürnbergs gehören insbesondere:
- das Knoblauchsland als großräumiges Frischluftentstehungsgebiet von landesweiter Bedeutung,
- das Tiefe Feld als wichtiger Bestandteil der westlichen Kaltluftversorgung,
- die Freiflächen in Wetzendorf und im Nürnberger Norden,
- die Pegnitzauen als Frischluft- und Verdunstungskorridor,
- die Rednitzaue mit ihrer wichtigen Ausgleichsfunktion,
- der Marienbergpark als großflächiger innerstädtischer Kühlraum,
- der Reichswald als klimatischer Ausgleichsraum für die gesamte Region.
Diese Räume sind keine ungenutzten Reserveflächen für zukünftige Bebauung. Sie erfüllen unverzichtbare ökologische Funktionen für die gesamte Stadtgesellschaft. Ihre Bedeutung nimmt mit jeder weiteren Erwärmung zu.
Das Nürnberger Stadtklimagutachten zeigt eindrucksvoll, dass insbesondere die Kaltluftschneisen das Rückgrat der natürlichen Durchlüftung bilden. Sie transportieren die nachts entstehende Kaltluft bis weit in die dicht bebauten Stadtquartiere hinein. Bereits vergleichsweise kleine bauliche Eingriffe können diese Strömungen beeinträchtigen oder vollständig unterbrechen.
Deshalb müssen Kaltluftentstehungsgebiete und Luftleitbahnen künftig als kritische klimatische Infrastruktur behandelt werden. Ihr Schutz sollte denselben Stellenwert erhalten wie der Schutz von Hochwasserrückhalteflächen oder Trinkwassergewinnungsgebieten.
Auch der Verlust großkroniger Stadtbäume verschlechtert das Stadtklima erheblich. Alte Bäume spenden Schatten, kühlen ihre Umgebung durch Verdunstung und verbessern die Luftqualität. Sie sind über Jahrzehnte gewachsene Naturkapitale, deren Leistungen sich kurzfristig nicht ersetzen lassen. Ersatzpflanzungen sind wichtig, können die Klimawirkung eines ausgewachsenen Baumes jedoch erst nach vielen Jahrzehnten erreichen.
Besonders kritisch ist die fortschreitende Zerschneidung klimawirksamer Freiräume durch neue Verkehrsflächen, Gewerbegebiete oder Wohnbauprojekte. Eine solche Entwicklung führt häufig zu dauerhaften Beeinträchtigungen, die später kaum noch rückgängig gemacht werden können.
Der Bund Naturschutz fordert deshalb einen grundlegenden Perspektivwechsel: Freiflächen, Stadtbäume, Kaltluftschneisen und unversiegelte Böden dürfen nicht länger als Flächenreserven betrachtet werden. Sie sind Teil der kommunalen Daseinsvorsorge. Sie schützen Gesundheit, Lebensqualität, Biodiversität und das Stadtklima gleichermaßen.
Für die zukünftige Stadtentwicklung Nürnbergs bedeutet dies: Nicht jede bebaubare Fläche sollte bebaut werden. Vielmehr müssen jene Räume dauerhaft gesichert werden, die für die Klimastabilität der Stadt unverzichtbar sind. Der Erhalt dieser natürlichen Lebensadern ist keine Einschränkung städtischer Entwicklung, sondern ihre grundlegende Voraussetzung.
Kapitel 3
Vom Hitzeaktionsplan zur klimaresilienten Stadt
Warum Vorsorge wirksamer ist als Schadensbegrenzung
Der Hitzeaktionsplan der Stadt Nürnberg ist ein wichtiger Baustein kommunaler Gesundheitsvorsorge. Er trägt dazu bei, die unmittelbaren gesundheitlichen Folgen extremer Hitze insbesondere für ältere Menschen, Kinder, chronisch Kranke und andere vulnerable Bevölkerungsgruppen zu mindern. Hitzewarnungen, Trinkwasserangebote, kühle Aufenthaltsorte und Informationskampagnen sind notwendige Bestandteile einer modernen Gesundheitsstrategie.
Gleichzeitig zeigt der Hitzeaktionsplan die Grenzen eines überwiegend reaktiven Ansatzes auf. Er setzt überwiegend dort an, wo die Hitzebelastung bereits entstanden ist. Die eigentlichen Ursachen der zunehmenden Überwärmung – Flächenversiegelung, Verlust von Stadtgrün, Bebauung klimawirksamer Freiräume und Beeinträchtigung der Kaltluftströme – werden dadurch nicht beseitigt.
Eine zukunftsfähige Stadtentwicklung muss deshalb den Schwerpunkt von der Schadensbegrenzung auf die Vorsorge verlagern.
Der wirksamste Hitzeschutz entsteht nicht erst während einer Hitzewelle. Er beginnt Jahrzehnte früher – mit den Entscheidungen über Bebauungspläne, Verkehrsprojekte, Grünflächen, Baumpflanzungen und den Umgang mit unversiegelten Böden.
Jeder zusätzliche Hektar versiegelter Fläche erhöht die Oberflächentemperaturen, vermindert die Verdunstung, beschleunigt den Regenwasserabfluss und schwächt die natürliche Kühlleistung der Stadt. Umgekehrt verbessert jede Entsiegelung, jede neue Grünfläche und jeder erhaltene Altbaum dauerhaft das Mikroklima.
Diese Erkenntnis führt zu einem grundlegenden Perspektivwechsel: Stadtgrün, Kaltluftschneisen und unversiegelte Böden sind keine freiwilligen Ausstattungsmerkmale einer attraktiven Stadt, sondern unverzichtbare Bestandteile der kommunalen Infrastruktur. Sie erfüllen lebenswichtige Funktionen für Gesundheit, Klimaschutz, Klimaanpassung, Biodiversität und Wasserrückhalt.
Deshalb müssen sie künftig denselben planerischen Stellenwert erhalten wie Straßen, Brücken, Wasserleitungen oder Energieversorgung.
Der Bund Naturschutz schlägt vor, die Stadtentwicklung Nürnbergs künftig an fünf Leitprinzipien auszurichten:
Erstens: Vermeidung neuer Hitzeinseln durch konsequente Begrenzung zusätzlicher Versiegelung.
Zweitens: Wiederherstellung natürlicher Kühlfunktionen durch umfangreiche Entsiegelungsprogramme und den Aufbau urbaner Stadtwälder.
Drittens: Dauerhafter Schutz aller im Stadtklimagutachten ausgewiesenen Kaltluftentstehungsgebiete und Luftleitbahnen als unverzichtbare Bestandteile der kommunalen Daseinsvorsorge.
Viertens: Flächendeckende Umsetzung des Schwammstadt-Prinzips mit Regenwasserrückhalt, Verdunstungskühlung und wassersensibler Freiraumgestaltung.
Fünftens: Verbindliche Berücksichtigung der Auswirkungen auf das Stadtklima bei sämtlichen Planungen, Bauvorhaben und Infrastrukturprojekten.
Diese Grundsätze bedeuten keinen Stillstand der Stadtentwicklung. Sie schaffen vielmehr die Voraussetzung dafür, dass Nürnberg auch unter den Bedingungen des Klimawandels wirtschaftlich leistungsfähig, sozial lebenswert und ökologisch stabil bleibt.
Eine klimaresiliente Stadt ist nicht die Stadt mit den meisten Klimaanlagen, sondern die Stadt, die sich durch ihre Freiräume, ihre Bäume, ihre Gewässer und ihre Frischluftschneisen möglichst weitgehend selbst kühlt.
Die kommunale Klimaanpassung der Zukunft wird daher nicht in erster Linie an der Zahl eingerichteter Kühlräume gemessen werden. Entscheidend ist vielmehr, ob es gelingt, Hitze gar nicht erst entstehen zu lassen.
Darin liegt der eigentliche Paradigmenwechsel dieses Weißbuchs: Weg von einer Politik des Reagierens – hin zu einer vorsorgenden, naturbasierten Stadtentwicklung, die die natürlichen Klimafunktionen Nürnbergs stärkt und dauerhaft sichert.
Kapitel 4
Der Masterplan Entsiegelung
Die wichtigste Investition in das Stadtklima Nürnbergs
4.1 Entsiegelung – die wirksamste Klimaanpassungsmaßnahme
Über Jahrzehnte wurde Stadtentwicklung vor allem unter den Gesichtspunkten des Wohnungsbaus, der wirtschaftlichen Entwicklung und des Verkehrs betrachtet. Die Folgen für das Stadtklima spielten häufig nur eine untergeordnete Rolle.
Heute zeigt sich, dass der hohe Versiegelungsgrad einer der Hauptgründe für die zunehmende Überhitzung Nürnbergs ist.
Asphalt, Beton und Pflaster speichern enorme Wärmemengen. Gleichzeitig verhindern sie die Versickerung von Regenwasser und unterbinden die natürliche Verdunstungskühlung. Dadurch entstehen Hitzeinseln, die sich insbesondere während langanhaltender Hitzeperioden stark aufheizen und nachts kaum noch abkühlen.
Entsiegelung wirkt dem unmittelbar entgegen.
Jeder entsiegelte Quadratmeter verbessert gleichzeitig
das Stadtklima,
den Wasserhaushalt,
die Biodiversität,
den Hochwasserschutz,
die Aufenthaltsqualität,
die Gesundheit der Bevölkerung.
Kaum eine andere Maßnahme erzielt gleichzeitig so viele positive Wirkungen.
4.2 Ein neues Leitprinzip
Der Bund Naturschutz schlägt deshalb vor, für Nürnberg folgendes Grundprinzip verbindlich einzuführen:
Entsiegelung vor Neuversiegelung.
Neue Versiegelungen dürfen nur noch zugelassen werden, wenn sie nachweislich unvermeidbar sind und an anderer Stelle durch eine deutlich größere Entsiegelung ausgeglichen werden.
Langfristiges Ziel muss eine Netto-Null-Versiegelung sein.
4.3 Ein kommunales Entsiegelungsprogramm
Die Stadt Nürnberg sollte ein dauerhaftes Investitionsprogramm auflegen.
Priorität besitzen insbesondere:
überdimensionierte Straßenräume,
asphaltierte Plätze,
Parkplatzflächen,
Gewerbeflächen,
Schulhöfe,
öffentliche Einrichtungen,
Verkehrsinseln,
Randflächen öffentlicher Gebäude.
Bereits kleine Entsiegelungsmaßnahmen können in ihrer Summe erhebliche Verbesserungen bewirken.
4.4 Entsiegelung als Wirtschaftsförderung
Entsiegelung ist keine Belastung für die Wirtschaft.
Sie schafft vielmehr Aufträge für Landschaftsbau, Gartenbau, Baumschulen, Ingenieurbüros und das regionale Handwerk.
Gleichzeitig sinken langfristig die Kosten für Hitzeschäden, Starkregenereignisse, Kanalisation und Gesundheitsversorgung.
Entsiegelung ist deshalb eine Investition mit hoher volkswirtschaftlicher Rendite.
4.5 Neue Bewertungsmaßstäbe
Künftig sollte jede Planung verpflichtend folgende Fragen beantworten:
Wie viele Quadratmeter Boden werden zusätzlich versiegelt?
Wie verändert sich die Verdunstungsleistung?
Wie verändert sich die Oberflächentemperatur?
Welche Auswirkungen ergeben sich auf die nächtliche Abkühlung?
Welche Alternativen mit geringerer Versiegelung wurden geprüft?
Diese Fragestellungen sollten verbindlicher Bestandteil sämtlicher Bebauungspläne werden.
4.6 Entsiegelung als kommunale Gemeinschaftsaufgabe
Die Entsiegelung kann nicht allein Aufgabe der Stadtverwaltung sein.
Auch
Wohnungsbaugesellschaften,
Unternehmen,
Kirchengemeinden,
Sportvereine,
Schulen,
private Grundstückseigentümer
können hierzu einen wichtigen Beitrag leisten.
Die Stadt sollte hierfür Beratungsangebote und finanzielle Anreize schaffen.
4.7 Zielbild 2045
Der Bund Naturschutz schlägt folgende messbare Ziele vor:
Netto-Null-Versiegelung spätestens bis 2035.
Entsiegelung von mindestens 1 Million Quadratmetern bislang versiegelter Flächen bis 2045 (Zielwert, der anhand einer Flächenanalyse überprüft und gegebenenfalls angepasst werden sollte).
Vorrang wasserdurchlässiger Beläge bei öffentlichen Bauvorhaben.
Entsiegelungsprogramme für alle Schulhöfe und öffentlichen Plätze.
Jährlicher Entsiegelungsbericht an den Stadtrat.
4.8 Fazit
Die Entsiegelung ist weit mehr als eine landschaftsgestalterische Maßnahme.
Sie bildet die Grundlage einer klimaresilienten Stadt.
Jeder entsiegelte Quadratmeter verbessert die Kühlleistung Nürnbergs, erhöht die Biodiversität, stärkt den natürlichen Wasserhaushalt und reduziert die gesundheitlichen Belastungen der Bevölkerung.
Eine Stadt, die entsiegelt, investiert nicht nur in ihre Umwelt, sondern in ihre Zukunftsfähigkeit.
Der Masterplan Entsiegelung sollte deshalb zum zentralen Baustein der Nürnberger Klimaanpassungsstrategie werden.
Kapitel 5
Urbane Stadtwälder
Die natürlichen Klimaanlagen der Zukunft
5.1 Warum Stadtwälder unverzichtbar sind
Bäume gehören zu den wirksamsten natürlichen Klimaschützern einer Stadt. Sie spenden Schatten, filtern Luftschadstoffe, binden Kohlendioxid und verbessern die Lebensqualität. Ihre größte Bedeutung liegt jedoch in ihrer Kühlwirkung.
Während einzelne Straßenbäume vor allem ihr unmittelbares Umfeld beeinflussen, erzeugen größere zusammenhängende Gehölzbestände ein eigenes Mikroklima. Durch Beschattung, Verdunstung und Luftzirkulation entstehen deutlich kühlere Bereiche, deren Wirkung weit über die Waldfläche hinausreichen kann.
Mit zunehmender Größe eines Waldgebietes verstärkt sich dieser Effekt. Urbane Stadtwälder sind deshalb weit mehr als größere Grünanlagen. Sie bilden eigenständige Klimaräume, die zur Abkühlung ganzer Stadtquartiere beitragen können.
5.2 Der Stadtwald als Bestandteil der kommunalen Infrastruktur
Straßen, Brücken und Leitungsnetze gelten selbstverständlich als Bestandteile der kommunalen Infrastruktur.
Im Zeitalter des Klimawandels müssen auch Stadtwälder als kritische Infrastruktur verstanden werden.
Sie übernehmen gleichzeitig zahlreiche Funktionen:
- Kühlung der Umgebung,
- Bindung von Kohlendioxid,
- Speicherung von Regenwasser,
- Verbesserung der Luftqualität,
- Förderung der Artenvielfalt,
- Lärmminderung,
- Erholung und Gesundheitsvorsorge.
Kaum eine andere kommunale Investition erfüllt so viele Aufgaben gleichzeitig.
5.3 Von der Parkanlage zum Stadtwald
Nürnberg verfügt bereits über wertvolle Grünanlagen. Viele von ihnen besitzen jedoch parkartigen Charakter.
Ergänzend dazu sollten bewusst größere, naturnah entwickelte Waldflächen entstehen. Sie benötigen weniger intensive Pflege, sind widerstandsfähiger gegenüber Trockenheit und bieten eine deutlich höhere ökologische Qualität.
Dabei steht nicht die Gestaltung im Vordergrund, sondern die Entwicklung stabiler, artenreicher Waldökosysteme.
5.4 Mögliche Entwicklungsräume
Geeignete Flächen können insbesondere sein:
- Konversionsflächen,
- ehemalige Industrie- und Gewerbebrachen,
- überdimensionierte Verkehrsflächen,
- Randbereiche großer Neubaugebiete,
- kommunale Ausgleichsflächen,
- bislang intensiv gepflegte Rasenflächen mit geringem ökologischem Wert.
Darüber hinaus sollte geprüft werden, ob sich bestehende Grünanlagen durch zusätzliche Gehölzentwicklung zu größeren Waldkomplexen vernetzen lassen.
5.5 Stadtwälder und Kaltluft
Richtig platzierte Stadtwälder ergänzen die Kaltluftentstehungsgebiete. Sie tragen durch Verdunstung und Beschattung zur Abkühlung bei und verbessern das Mikroklima. Gleichzeitig ist sorgfältig zu prüfen, dass sie bestehende Luftleitbahnen nicht beeinträchtigen. Die Planung muss sich daher am Nürnberger Stadtklimagutachten orientieren und Kühlwirkung sowie Frischluftströmungen gemeinsam betrachten.
5.6 Stadtwälder als Gesundheitsvorsorge
Die Bedeutung urbaner Wälder reicht weit über den Naturschutz hinaus.
Sie
- reduzieren Hitzestress,
- fördern Bewegung,
- verbessern die psychische Gesundheit,
- schaffen wohnungsnahe Erholungsräume,
- erhöhen die Lebensqualität aller Generationen.
Gerade in dicht bebauten Stadtteilen besitzen sie deshalb auch eine wichtige soziale Funktion.
5.7 Zielbild für Nürnberg
Der Bund Naturschutz schlägt vor, ein kommunales Programm „Stadtwälder 2045“ aufzulegen.
Ziele könnten sein:
- Entwicklung mehrerer neuer urbaner Waldflächen unterschiedlicher Größe,
- Vernetzung bestehender Grünräume durch Baumkorridore,
- konsequenter Erhalt alter Waldbestände,
- naturnahe Entwicklung geeigneter kommunaler Flächen,
- Integration urbaner Wälder in sämtliche größeren Stadtentwicklungsprojekte.
Jeder neue Stadtwald sollte zugleich als Klimaschutz-, Biodiversitäts- und Gesundheitsprojekt verstanden werden.
5.8 Fazit
Die Städte des 20. Jahrhunderts wurden durch Straßen geprägt.
Die klimaresiliente Stadt des 21. Jahrhunderts wird durch ihre grünen Infrastrukturen geprägt sein.
Urbane Stadtwälder sind dabei keine freiwillige Ergänzung der Stadtplanung, sondern ein wesentlicher Bestandteil der kommunalen Daseinsvorsorge. Sie helfen, Hitze zu mindern, Wasser zu speichern, Artenvielfalt zu fördern und die Lebensqualität nachhaltig zu verbessern.
Nürnberg hat die Chance, mit einem ambitionierten Stadtwaldprogramm bundesweit Maßstäbe zu setzen und seine natürlichen Klimafunktionen langfristig zu stärken.
Kapitel 6
Kaltluftschneisen und Frischluftentstehungsgebiete
Die unsichtbare Infrastruktur des Stadtklimas
6.1 Warum Kaltluft lebenswichtig ist
An heißen Sommertagen entscheidet nicht allein die Tageshöchsttemperatur über die Belastung der Bevölkerung. Von entscheidender Bedeutung ist die nächtliche Abkühlung.
Während sich versiegelte Stadtquartiere häufig auch nachts nur langsam abkühlen, entstehen auf Wiesen, Äckern, unversiegelten Böden und großen Grünflächen erhebliche Mengen bodennaher Kaltluft. Diese strömt über natürliche Geländesenken und Luftleitbahnen in die bebauten Stadtteile und senkt dort die Temperaturen.
Diese nächtliche Frischluftzufuhr ist die wichtigste natürliche Klimaanlage einer Stadt.
Sie schützt die Gesundheit der Bevölkerung, reduziert den Hitzestress und verbessert die Luftqualität.
6.2 Das Nürnberger Stadtklimagutachten
Das Nürnberger Stadtklimagutachten hat diese klimatischen Zusammenhänge umfassend untersucht und die wichtigsten Kaltluftentstehungsgebiete sowie Luftleitbahnen kartiert.
Damit verfügt Nürnberg über eine hervorragende wissenschaftliche Grundlage für eine klimaorientierte Stadtplanung.
Das Gutachten macht deutlich:
Nicht jede Freifläche besitzt dieselbe Bedeutung.
Einige Bereiche übernehmen eine Schlüsselfunktion für die gesamte Stadt.
Werden diese Flächen bebaut oder ihre Luftleitbahnen eingeengt, verliert Nürnberg dauerhaft einen Teil seiner natürlichen Kühlleistung.
6.3 Kaltluftschneisen sind kritische Infrastruktur
Bislang werden Straßen, Brücken, Energie- und Wasserversorgung selbstverständlich als kritische Infrastruktur betrachtet.
Der Bund Naturschutz fordert, diesen Begriff zu erweitern.
Kaltluftentstehungsgebiete und Frischluftschneisen sind ebenfalls kritische Infrastruktur.
Ohne sie steigen die Temperaturen in den dicht bebauten Quartieren dauerhaft an.
Ihre Schutzfunktion wird mit jedem weiteren Grad der Klimaerwärmung wichtiger.
6.4 Konsequenzen für die Stadtplanung
Das Stadtklimagutachten darf nicht lediglich ein Fachgutachten sein.
Es muss verbindliche Planungsgrundlage werden.
Für sämtliche Bebauungspläne und Infrastrukturvorhaben sollte künftig nachgewiesen werden,
- dass Kaltluftentstehungsgebiete erhalten bleiben,
- dass Luftleitbahnen nicht eingeengt werden,
- dass Frischluftströme nicht unterbrochen werden,
- dass sich die nächtliche Durchlüftung nicht verschlechtert.
Kann dieser Nachweis nicht erbracht werden, sollte das Vorhaben grundsätzlich nicht genehmigt werden.
6.5 Konsequenzen für Nürnberg
Aus den bisherigen Erkenntnissen ergeben sich insbesondere folgende Handlungsfelder:
- dauerhafter Schutz des Knoblauchslandes als bedeutendes Frischluftentstehungsgebiet,
- Erhalt des Tiefen Feldes als Bestandteil der westlichen Frischluftversorgung,
- Sicherung klimawirksamer Freiflächen in Wetzendorf,
- Schutz der Pegnitz- und Rednitzaue als Frischluft- und Verdunstungskorridore,
- Vermeidung weiterer Einengungen wichtiger Luftleitbahnen durch großflächige Neubauvorhaben.
Diese Beispiele zeigen, dass Klimaanpassung nicht erst bei der Gebäudebegrünung beginnt, sondern bereits bei der Entscheidung, welche Freiräume dauerhaft unbebaut bleiben.
6.6 Ein neues Schutzinstrument
Der Bund Naturschutz schlägt die Einführung eines kommunalen Klimavorsorgegebiets vor.
Für alle im Stadtklimagutachten ausgewiesenen Kaltluftentstehungsgebiete und Luftleitbahnen sollten besondere Schutzvorschriften gelten.
Innerhalb dieser Bereiche wären insbesondere auszuschließen:
- zusätzliche großflächige Versiegelungen,
- geschlossene Baukörper, die Luftströmungen behindern,
- großflächige Parkplatzanlagen,
- Gewerbeansiedlungen mit hoher Versiegelung,
- Maßnahmen, die den Luftaustausch erheblich verschlechtern.
6.7 Klimaschutz und Gesundheit gehören zusammen
Mit jeder erhaltenen Kaltluftschneise sinkt die gesundheitliche Belastung der Bevölkerung.
Damit wird deutlich:
Der Schutz der Frischluftversorgung ist nicht allein Naturschutz.
Er ist Gesundheitsvorsorge, Katastrophenvorsorge und kommunale Daseinsvorsorge zugleich.
6.8 Fazit
Die Kaltluftschneisen Nürnbergs sind unsichtbar.
Gerade deshalb werden ihre Leistungen häufig unterschätzt.
Sie gehören jedoch zu den wertvollsten natürlichen Ressourcen der Stadt.
Ihre dauerhafte Sicherung ist wesentlich kostengünstiger als spätere technische Maßnahmen gegen zunehmende Überhitzung.
Der Bund Naturschutz fordert daher, sämtliche im Nürnberger Stadtklimagutachten ausgewiesenen Kaltluftentstehungsgebiete und Luftleitbahnen dauerhaft zu sichern und als unverzichtbare Bestandteile der kommunalen Infrastruktur anzuerkennen.
Nur wenn diese natürlichen Lebensadern erhalten bleiben, kann Nürnberg den Herausforderungen des Klimawandels dauerhaft erfolgreich begegnen.
Kapitel 7
Ein neues Planungsrecht für die klimaresiliente Stadt
Klimavorrang bei allen städtebaulichen Entscheidungen
7.1 Warum ein Paradigmenwechsel notwendig ist
Die Stadtplanung des 20. Jahrhunderts war vor allem von den Leitbildern der autogerechten Stadt, der Ausweisung neuer Bauflächen und der wirtschaftlichen Entwicklung geprägt. Klimaanpassung spielte nur eine untergeordnete Rolle.
Heute haben sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändert. Der Klimawandel ist nicht mehr nur eine Umweltfrage. Er betrifft Gesundheit, Wirtschaft, soziale Gerechtigkeit, Energieversorgung und die Lebensqualität aller Bürgerinnen und Bürger.
Deshalb muss sich auch das Planungsrecht weiterentwickeln.
Nicht jede baulich mögliche Entwicklung ist zugleich klimatisch verantwortbar.
Die Auswirkungen auf das Stadtklima müssen künftig denselben Stellenwert erhalten wie Belange des Lärmschutzes, des Hochwasserschutzes oder des Denkmalschutzes.
7.2 Einführung eines Klimavorrangs
Der Bund Naturschutz schlägt vor, bei allen städtischen Planungen einen verbindlichen Klimavorrang einzuführen.
Dabei sind insbesondere zu prüfen:
- Auswirkungen auf die nächtliche Abkühlung,
- Veränderungen der Kaltluftströmungen,
- Veränderungen der Oberflächentemperaturen,
- Veränderungen der Bodenfunktionen,
- Veränderungen der Baumüberschirmung,
- Veränderungen der Biodiversität,
- Veränderungen des Wasserhaushaltes.
Negative Auswirkungen dürfen nur in begründeten Ausnahmefällen zugelassen werden.
7.3 Die Klimabilanz eines Bebauungsplanes
Jeder Bebauungsplan sollte künftig neben Umweltbericht und Artenschutzprüfung eine verbindliche Klimabilanz enthalten.
Diese sollte unter anderem beantworten:
- Wie verändert sich der Versiegelungsgrad?
- Wie verändert sich die Verdunstungsleistung?
- Wie verändert sich die Baumüberschirmung?
- Wie verändert sich die nächtliche Kaltluftversorgung?
- Welche Auswirkungen entstehen auf Hitzeinseln?
- Welche Alternativen wurden geprüft?
Erst auf dieser Grundlage kann der Stadtrat die tatsächlichen Folgen einer Planung bewerten.
7.4 Klimavorbehaltsgebiete
Besonders empfindliche Bereiche sollten als Klimavorbehaltsgebiete ausgewiesen werden.
Hierzu gehören insbesondere:
- Kaltluftentstehungsgebiete,
- Frischluftschneisen,
- größere unversiegelte Freiflächen,
- klimawirksame Grünzüge,
- Flussauen,
- großflächige Stadtwälder.
In diesen Gebieten muss der Schutz der Klimafunktion Vorrang vor konkurrierenden Nutzungsansprüchen erhalten.
7.5 Das Vermeidungsprinzip stärken
Die bisherige Planung versucht häufig, Klimaschäden nachträglich auszugleichen.
Zukunftsfähige Planung muss Schäden zunächst vermeiden.
Es gilt folgende Reihenfolge:
- Vermeidung.
- Minimierung.
- Ausgleich.
- Ersatz.
Dieses Vorsorgeprinzip ist ökologisch wirksamer und wirtschaftlich günstiger.
7.6 Ein kommunaler Klima-Check
Alle größeren städtischen Investitionen sollten künftig einem Klima-Check unterzogen werden.
Bewertet werden unter anderem:
- Flächenverbrauch,
- CO₂-Bilanz,
- Auswirkungen auf das Stadtklima,
- Auswirkungen auf die Biodiversität,
- Auswirkungen auf den Wasserhaushalt,
- Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit.
Damit würden klimatische Auswirkungen bereits in der frühen Planungsphase sichtbar.
7.7 Klimaresilienz als kommunale Pflichtaufgabe
Der Bund Naturschutz regt an, Klimaresilienz ausdrücklich als Bestandteil der kommunalen Daseinsvorsorge zu verstehen.
Die Sicherung gesunder Lebensbedingungen gehört zu den zentralen Aufgaben einer modernen Stadt.
Hierzu zählen künftig auch:
- ausreichende Baumüberschirmung,
- Schutz unversiegelter Böden,
- Sicherung der Frischluftversorgung,
- Regenwasserrückhalt,
- hitzeresiliente Freiräume.
7.8 Fazit
Der Klimawandel verändert die Grundlagen kommunaler Planung.
Die zentrale Frage lautet künftig nicht mehr:
„Was können wir wo bauen?"
Sondern:
„Welche Entwicklung erhält oder verbessert dauerhaft das Stadtklima?"
Erst wenn diese Frage zum Ausgangspunkt jeder Planung wird, kann Nürnberg den Herausforderungen des Klimawandels gerecht werden.
Eine klimaresiliente Stadt entsteht nicht durch Einzelmaßnahmen.
Sie entsteht durch ein neues Planungsverständnis, in dem Klimaschutz und Klimaanpassung als verbindliche Leitprinzipien allen städtebaulichen Entscheidungen zugrunde liegen.
Kapitel 8
Nürnberg 2045
Der Masterplan einer klimaresilienten Metropole
8.1 Eine Vision für die Stadt von morgen
Nürnberg hat die Chance, sich bis zum Jahr 2045 zu einer der klimaresilientesten Großstädte Deutschlands zu entwickeln. Voraussetzung hierfür ist ein grundlegender Wandel der Stadtentwicklung: Weg von einer überwiegend technischen Anpassung an die Folgen des Klimawandels, hin zu einer naturbasierten Stadtgestaltung, die Hitze vermeidet, Wasser speichert und Biodiversität fördert.
Das Leitbild lautet:
Die klimaresiliente Stadt ist eine grüne, wassersensible und gesunde Stadt.
Nicht die Zahl der Klimaanlagen entscheidet künftig über die Lebensqualität, sondern die Qualität der natürlichen Klimainfrastruktur.
8.2 Ein Netz aus Klimaachsen
Im Mittelpunkt des Masterplans steht ein zusammenhängendes Netz aus:
- Kaltluftentstehungsgebieten,
- Frischluftschneisen,
- Stadtwäldern,
- Flussauen,
- Grünzügen,
- entsiegelten Freiräumen,
- begrünten Straßenräumen,
- Wasserflächen.
Diese Elemente dürfen nicht isoliert betrachtet werden. Erst ihre Vernetzung schafft ein leistungsfähiges Klimasystem für die gesamte Stadt.
8.3 Die fünf Säulen des Masterplans
1. Die Entsiegelte Stadt
Bis 2045 werden öffentliche Plätze, Schulhöfe, Parkplätze und überdimensionierte Verkehrsflächen schrittweise entsiegelt. Wasserdurchlässige Beläge, Stadtbäume und Versickerungsflächen prägen das Stadtbild.
2. Die Stadt der Wälder
Neue urbane Stadtwälder ergänzen bestehende Parks und den Reichswald. Sie entstehen insbesondere auf geeigneten Konversionsflächen, an Siedlungsrändern und in großen Entwicklungsgebieten. Sie bilden die grünen Lungen der Stadt.
3. Die Stadt des Wassers
Regenwasser wird nicht mehr möglichst schnell abgeleitet, sondern gespeichert, versickert und zur Kühlung genutzt. Offene Wasserflächen, Brunnen, Wasserläufe und Retentionsräume verbessern das Mikroklima und erhöhen die Aufenthaltsqualität.
4. Die grüne Stadt
Straßen werden zu grünen Alleen, Dächer und Fassaden begrünt, Innenhöfe entsiegelt und Baumkronen bilden ein zusammenhängendes Netz. Das Ziel ist eine deutlich höhere Baumüberschirmung als heute.
5. Die Stadt der kurzen Wege
Eine kompakte, gemischt genutzte Stadt mit attraktiven Fuß- und Radwegen reduziert Verkehrsflächen, spart Energie und schafft Raum für Grün und Wasser.
8.4 Modellprojekte
Der Masterplan empfiehlt, Nürnberg schrittweise anhand von Modellprojekten umzubauen:
- ein Programm „1.000 grüne Straßen“,
- die Umgestaltung besonders heißer Plätze zu Klimaoasen,
- ein Masterplan Entsiegelung für öffentliche Flächen,
- ein Förderprogramm „Grüne Fassaden“,
- ein kommunales Programm „Stadtwälder 2045“,
- die vollständige Sicherung aller Kaltluftschneisen,
- Schwammstadtquartiere bei allen neuen Stadtentwicklungsprojekten.
8.5 Gesundheit als Maßstab
Der Erfolg der Stadtentwicklung wird künftig nicht allein an Wohnungszahlen oder Gewerbeflächen gemessen.
Ebenso wichtig sind:
- weniger Hitzetote,
- weniger Tropennächte in belasteten Quartieren,
- bessere Luftqualität,
- mehr wohnungsnahes Grün,
- höhere Biodiversität,
- größere Aufenthaltsqualität.
Damit wird Gesundheit zu einem zentralen Maßstab kommunaler Planung.
8.6 Ein neuer Wohlstandsbegriff
Der Wohlstand einer Stadt bemisst sich künftig nicht nur an ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit.
Ebenso entscheidend sind:
- klimaresiliente Freiräume,
- gesunde Böden,
- artenreiche Grünflächen,
- leistungsfähige Kaltluftschneisen,
- ausreichend Stadtbäume,
- ein funktionierender Wasserhaushalt.
Diese natürliche Infrastruktur ist ein Vermögen, das kommende Generationen ebenso schützt wie Straßen, Schulen oder Krankenhäuser.
8.7 Nürnberg als Vorbild
Mit einem konsequenten Masterplan kann Nürnberg zu einer Modellstadt der Klimaanpassung werden.
Die Stadt verfügt bereits über hervorragende wissenschaftliche Grundlagen, engagierte Forschungseinrichtungen, leistungsfähige Planungsbehörden und eine aktive Zivilgesellschaft.
Jetzt gilt es, dieses Wissen konsequent in politisches Handeln umzusetzen.
8.8 Schlussbild
Die klimaresiliente Stadt des Jahres 2045 ist nicht dichter, heißer und technischer.
Sie ist grüner, kühler, wassersensibler und gesünder.
Sie schützt ihre natürlichen Lebensgrundlagen ebenso entschlossen wie ihre bauliche Infrastruktur.
Eine Stadt, die ihre Böden entsiegelt, ihre Kaltluftschneisen sichert, ihre Stadtwälder erweitert und ihre Gewässer stärkt, investiert nicht nur in den Klimaschutz.
Sie investiert in die Gesundheit, die Lebensqualität und die Zukunft ihrer Bürgerinnen und Bürger.
Dieses Weißbuch lädt Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Stadtgesellschaft ein, diesen Weg gemeinsam zu gehen und Nürnberg zu einer der lebenswertesten klimaresilienten Städte Europas zu entwickeln.
Nürnberger Manifest 2045
Für eine klimaresiliente, lebenswerte und biodiversitätsreiche Stadt
Präambel
Der Klimawandel stellt Nürnberg vor tiefgreifende Herausforderungen. Längere Hitzeperioden, häufigere Tropennächte und zunehmende Starkregenereignisse verändern das Leben in unserer Stadt bereits heute.
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Nürnberger Stadtklimagutachtens, die Ergebnisse des Hitze-Checks der Deutschen Umwelthilfe sowie die Erfahrungen zahlreicher europäischer Städte führen zu einer eindeutigen Schlussfolgerung:
Die wirksamste Klimaanpassung beginnt nicht erst während einer Hitzewelle. Sie beginnt mit einer Stadtplanung, die natürliche Kühlung ermöglicht, Wasser in der Landschaft hält und die biologischen Lebensgrundlagen bewahrt.
Wir treten deshalb für einen grundlegenden Wandel der Stadtentwicklung ein.
Zehn Leitsätze
1. Stadtklima ist Daseinsvorsorge.
Der Schutz der Bevölkerung vor extremer Hitze gehört zu den zentralen Aufgaben der kommunalen Selbstverwaltung.
2. Kaltluftschneisen sind unverzichtbare Infrastruktur.
Die im Nürnberger Stadtklimagutachten ausgewiesenen Kaltluftentstehungsgebiete und Luftleitbahnen sind dauerhaft zu sichern und von Bebauung freizuhalten.
3. Entsiegelung erhält Vorrang.
Jede vermeidbare Neuversiegelung ist zu unterlassen. Entsiegelung muss zu einem kommunalen Investitionsschwerpunkt werden.
4. Stadtbäume und urbane Wälder sind natürliche Klimaanlagen.
Der Erhalt alter Großbäume hat Vorrang. Nürnberg braucht zusätzlich neue urbane Stadtwälder und miteinander vernetzte Grünräume.
5. Die Schwammstadt wird zum Planungsmaßstab.
Regenwasser ist als Ressource zu nutzen. Es soll gespeichert, versickert und zur Kühlung der Stadt eingesetzt werden.
6. Bauen im Bestand geht vor Flächenverbrauch.
Sanierung, Umnutzung und Aufstockung sind der Inanspruchnahme neuer Freiflächen vorzuziehen.
7. Jede Planung braucht eine Klimabilanz.
Alle Bebauungspläne und größeren Infrastrukturvorhaben sind auf ihre Auswirkungen auf Stadtklima, Biodiversität und Wasserhaushalt zu prüfen.
8. Naturbasierte Lösungen haben Vorrang.
Technische Kühlung kann natürliche Klimafunktionen ergänzen, aber nicht ersetzen. Vorrang haben Entsiegelung, Begrünung, Gewässerentwicklung und der Schutz klimawirksamer Freiräume.
9. Gesundheit und Klimaanpassung gehören zusammen.
Eine klimaresiliente Stadt schützt insbesondere Kinder, ältere Menschen und gesundheitlich besonders gefährdete Personen. Hitzeschutz ist daher auch Sozial- und Gesundheitspolitik.
10. Verantwortung für kommende Generationen.
Die Entscheidungen von heute bestimmen das Stadtklima der nächsten Jahrzehnte. Nachhaltige Stadtentwicklung bedeutet, den natürlichen Reichtum Nürnbergs zu bewahren und zu stärken.
Unser Appell
Wir rufen Stadtrat, Stadtverwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft, Wohnungsunternehmen, Verbände und Bürgerschaft dazu auf, gemeinsam einen neuen Weg einzuschlagen.
Nicht die heißeste, dichteste oder am schnellsten wachsende Stadt ist zukunftsfähig.
Zukunftsfähig ist die Stadt,
- die ihre Böden schützt,
- ihre Bäume erhält,
- ihre Kaltluftschneisen bewahrt,
- Wasser als Lebensgrundlage versteht,
- die biologische Vielfalt stärkt
- und das Wohl der Menschen in den Mittelpunkt ihrer Planung stellt.
Nürnberg besitzt alle Voraussetzungen, Vorreiter einer klimaresilienten Stadtentwicklung in Deutschland zu werden.
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen vor. Die technischen Möglichkeiten sind vorhanden. Die Beispiele erfolgreicher Städte zeigen, dass ein anderer Weg möglich ist.
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, diesen Weg entschlossen zu gehen.
Die Zukunft Nürnbergs entscheidet sich nicht allein an den Gebäuden, die wir errichten, sondern ebenso an den Freiräumen, die wir bewahren.
Klimaresilienz ist keine Option – sie ist die Voraussetzung für eine lebenswerte Stadt im 21. Jahrhundert.




