„Wir müssen Städte neu denken!“
Es gab ein ausführliches Grußwort des Oberbürgermeisters Marcus König, frei oszillierend zwischen Humor und Ernst; ein Bürgermeister, der bei seinem Publikum auch ankommt und der um Kompromisse wirbt, auch bei der „Neuen Mitte Thon“ und dem Wetzendorfer Baugebiet. Dagegen eine Steilvorlage zur Eröffnung von Jürgen Brand, Vorstand des Bürgervereins, die ins Schwarze trifft: Die „bürgerliche Mitte, die hier wohnt und wählt“, so sein Appell, hat noch immer kein Bürgerhaus, keinen Bürgersaal, keinen Kulturladen, keine Bibliothek, auch nicht mehr Geschäfte durch die neue Mitte Thon. Es sind einige umgezogen, nichts dazugekommen und der Leerstand an Büroflächen wächst eher als dass er abnimmt. Der Platzbedarf für Wohnungen hätte ausgereicht, um eine weitere Versiegelung des Knoblauchlands zu verhindern. Was ist das für eine Bewerbung zum Weltagrarkulturerbe Knoblauchsland, die mit Planungen für einen Kunstpark am Wetzendorfer Landgraben spielt und Agrar- und Grünflächen versiegelt?
Grüße aus einer hochgradig versiegelten Stadt
Eine weitere Steilvorlage ist die traurig-ironische Postkarte „Grüße aus Nürnberg“ von Volker Linhard, die auf allen Sitzen ausliegt. Sie zeigt die Tristesse der Versiegelung in Nürnberg und eine viel zu kleine, bis an die Wurzeln versiegelte Baumscheibe.*
Marcus König verweist auf seine Erfolge in den letzten sechs Jahren und betont die Notwendigkeit von Wohnungsbau, die niemand im Saal in Frage stellt. Die Zahl der Arbeitsplätze in Nürnberg ist gestiegen, es sei eine Stadt der „kurzen Wege zur Arbeit und ins Grüne“, ja, im Süden weniger … Er hat in der Stadt ein Entsiegelungsprogramm gestartet und es müssen Baumpflanzungen bei Bebauungen ausgewiesen werden. Es tut sich eine Welt tatsächlicher, nennbarer und messbarer Erfolge auf. Und Wetzendorf, nun, es wurde so viel investiert und der Bauernverband hat es mit dem Flächennutzungsplan abgesegnet … Auch in einer Ehe müsse es Kompromisse geben. Und dann erwähnt er die andere Welt, die nicht so schöne, die ihn selbst schmerzt, weil er doch zu denen gehört, die seit der Jugend der Natur verbunden sind, die Welt der harten Fakten: „2031 haben wir hier das Klima von New York und 2041 das Klima von Rimini.“
Kann ein Kompromiss zwischen diesen Welten noch möglich sein, Ehekompromisse hin, Ehe her??? Muss nicht ein Autofahrer auch mal auf die Bremse gehen und umkehren, falls er sich verfahren hat? Die „Wetzendorfer Fakten“ gehören wohl in die nicht so schöne Wahlkampf-Welt. Wie ist es möglich, diese Fakten zu nennen und nicht im Denken umzukehren und in den politischen Entscheidungen?
Gegensätzliche Welten
Noch schärfer wird der Gegensatz zweier Welten im Referat von Dip.-Ing. Simone Krainz „WIR MÜSSEN STÄDTE NEU DENKEN.“* Sie hinterfragt das Kompromissverständnis zur Konfliktlösung auf seine Tauglichkeit hin. „Was ist das für ein Kompromiss, der nur einer Seite wehtut?“ Wo bleibt die beiderseitige Freiwilligkeit?
Bezogen auf den geplanten Wetzendorfer Park hält Simone Krainz fest, dass Wasser der größte Feind der Architektur ist und zu Bauschäden ohne Ende führe. Es kann nicht sein, dass ein Umweltamt die Überschwemmungsgefahr „ändere“. Zudem werden im Baugebiet lediglich 148 Wohnungen gefördert sein. Es hat wohl Investoren gegeben, die in der Neuen Mitte Thon Wohnungen bauen wollten. Allein – die Stadt wollte es nicht.
Fakten im gesellschaftlichen Wandel und die globale Erwärmung fordern die Architektur und ihre Innovationskraft heraus (demografischer Wandel, Digitalisierung, Entgrenzung von Arbeit und Freizeit, Flexibilisierung der Arbeitswelt, Ressourcenknappheit). Wir können nicht mehr so weiter bauen, „Deutschland ist zu Ende gebaut, was die Bodenversiegelung angeht“ (Simone Krainz).
In Deutschland fehlen 800.000 Wohnungen, 100.000 Wohnungen fallen jährlich aus der Sozialbindung heraus. Bauen ist immer stärker renditegetrieben, hohe Leerstände bleiben hohe Leerstände (in Nürnberg 9.000 Wohnungen) und immer nur neu zu bauen und zu versiegeln ist das Gegenteil von nachhaltig, es erhöht den CO2-Ausstoß. Wieso verkauft die Stadt 60 Prozent der Bauflächen an Projektentwickungsgesellschaften, wenn ihr nur 40 Prozent der Flächen gehören? Innovative Ideen der Architekten (recycelbare Bauweise: Lehmbauten, Holzständerbauweise, Dachbegrünung, begrünte Innenhöfe, Entsiegelung wo möglich etc.) fallen heraus, weil sie für die Rendite unerheblich sind.
Aktuelle Brennpunkte in Nürnberg
Die Investitionen der Stadt zeigen, wo wir stehen. Der Ausbau des Frankenschnellwegs wird mit 1 Mrd. € veranschlagt. Für die Freiraumpflege sind 38 Mio. € vorgesehen. Das Förderprogramm „Mehr Grün für Nürnberg“ sieht 30.000 € vor. Leider zeugt die Baupolitik der Stadt vom Errichten großer neuer Quartiere und sehr viel Flächenversiegelung (Wald, Äcker, Grünflächen). So ist Nürnberg nach wie vor die am stärksten versiegelte deutsche Stadt (57,21 Prozent Versiegelung).*** Die Alternative wäre, Baulücken zu schließen, Park- und Geschäftshäuser zu bebauen, zu begrünen. Simone Krainz bietet eine Vielzahl von Beispielen in Nürnberg und zeigt auf, was möglich wäre. Sie hinterfragt das Flächenmanagement der Stadt und belegt ihren Standpunkt mit etlichen Adressen. Sie schaut in andere Länder und zeigt, was in Paris, Kopenhagen etc. möglich ist. In Nürnberg dagegen herrscht „Bauträgerkultur“ statt Baukultur, zu Lasten der Ökologie, des geförderten Wohnraums und der modernen architektonischen Möglichkeiten.
Ihr Schluss-Satz „Wir haben alles erfunden, wir können alles ändern!“ beinhaltet Aufforderung wie Notwendigkeit, die Dinge grundlegend zu ändern.
Im Anschluss betonte Klaus-Peter Murawski, Vorsitzender des BUND Naturschutz Nürnberg, dass es auch für den BN außer Frage stehe, dass neue Wohnungen geschaffen werden müssten – aber auf schon versiegelten Flächen, wie z.B. an der Fuggerstraße. Leider habe sich herausgestellt, dass das schon fertig geplante Baugebiet für die Umbauten des kreuzungsfreien Frankenschnellwegs benötigt wird.
Dann kommt er noch auf das Normenkontrollverfahren gegen den Bebauungsplan Nr. 4641 A „Wetzendorf-Parlerstraße“ zu sprechen, das beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof eingereicht wurde. Leider hat es die Stadt Nürnberg ermöglicht, dass an die zwei Baugesellschaften Schultheiss Wohnbau und SP Projekt positive Bauvorbescheide ergangen sind und diese nun als Beigeordnete am Normenkontrollverfahren beteiligt sind. Tatsachen zu schaffen, ist kein guter Stil, so K.-P. Murawski. Das Gericht muss prüfen können, bevor man Vorbescheide erstellt. Nun muss ein Eilverfahren angestrengt werden, das durch den Rechtsfonds finanziert werden muss.
Wir bitten daher um Spenden!
Konto BUND Naturschutz Nürnberg
IBAN: DE75 7605 0101 0001 0085 51
BIC: SSKNDE77xxx
unter dem Kennwort „Spende Rechtsbeistand Knoblauchsland“
Text: Ramona Kraetke, Elfriede Kolb-Eisner





