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Pressemitteilung 24/2009

Sanfte Lösung für haarige Raupen

Bund Naturschutz unterstützt den Einsatz von Bio-Lockstoffen gegen den Eichenprozessionsspinner im Volkspark Dutzendteich – der von der Politik geforderte Gifteinsatz wird vom Naturschutzverband wegen der großflächigen Wirkung kritisch gesehen - Plädoyer für Vermeidung und alternative Verfahren

Die rasche Ausbreitung des problematischen Eichenprozessionsspinners im Stadtgebiet sorgt für Diskussionsstoff. Denn die giftigen Haare der Raupen können bei Menschen z.B. starke Hautreizungen oder Atemwegsprobleme hervorrufen. Doch ob großflächige Maßnahmen effektiv und verhältnismäßig, sind wird vom Bund Naturschutz bezweifelt. So führte die Stadt Nürnberg vor „Rock im Park“ auf dem Gelände des Volksparks Dutzendteich eine Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners durch. Dabei wurde als Gift ein sogenanntes Bacillus-thuringensis-Präparat (Bt) verwendet. Das hatte der Nürnberger Stadtrat übrigens auch mit Billigung von Bündnis 90/Grüne entschieden.

Weder selektiv noch biologisch

Dieses Mittel schädigt nachweislich einen Großteil der auf Eichen spezialisierten Schmetterlinge und zahlreiche andere Insektenarten. Herr Rudi Tannert aus Langwasser, einer der besten regionalen Schmetterlingsspezialisten, hat ganz aktuell für den BN die potenziell betroffenen Schmetterlingsarten geschätzt. Danach sind allein bei einer Besprühung von Eichen etwa 125 Schmetterlingsarten im Nürnberger Raum von einem Bt-Einsatz akut betroffen. Die Zahl der übrigen bedrohten Insektenarten lässt sich auch von Experten kaum schätzen.

Der Bund Naturschutz sieht im Gifteinsatz nicht nur einen gravierenden Eingriff in die wertvolle Schmetterlingsfauna des Volksparks. Als Grundlage der Nahrungspyramide sind auch Fledermäuse und Vögel im schützenswerten Altbaumbestand massiv von dem Eingriff betroffen.

Die häufige Darstellung, dass es sich bei Bacillus-thuringensis-Mitteln um selektiv wirksame Insektizide handele, wurde damit eindeutig entlarvt. Biologisch ist einzig der unproblematische Abbau des Giftes in der Natur. Auch wenn Bacillus-thuringensis-Mittel im Bioanbau verwendet werden, spielt das in diesem Fall keine Rolle. In der Landwirtschaft will man gerade alle Fraßfeinde treffen, während dies in einem natürlichen Ökosystem eine dramatische Störung bedeutet. Zudem sind Pflanzenschutzmittel laut Gesetz allgemein nur für Land- und Forstwirtschaft zugelassen. Von Parkanlagen ist keine Rede.

Eichen als geschützte Naturdenkmäler

Nicht nur für die normalen Besucher ist der Volkspark Dutzendteich eine Naturoase auch viele seltene Tiere haben hier Zuflucht gefunden. Besonders schützenswert sind etliche alte Bäume im Parkgelände und die Uferzonen der Gewässer mit ihrem dichten Schilfzonen.

Im zentralen Park befinden sich zwei Geschützte Landschaftsbestandteile (LB Nr. 3.17 und 1.20, eine Art kleines Naturschutzgebiet) sowie sieben Naturdenkmäler (ND-Nr. 31 – 37), darunter fünf einzelne Alteichen und eine Eichenallee.

Eigentlich dürfen Naturdenkmäler nach dem Pflanzenschutzgesetz nicht mit Insektiziden behandelt werden. Auch der Einsatz am Gewässer ist untersagt. Der Bund Naturschutz hatte daher bei der Regierung von Mittelfranken für den Bt-Einsatz ein ordnungsgemäßes Genehmigungsverfahren eingefordert. Daraufhin veranlasste die Behörde eine spezielle artenschutzrechtliche Prüfung (saP), wie sie das Naturschutzrecht vorschreibt und erstellte mit Auflagen eine Ausnahmegenehmigung. Der Einsatz des großflächig wirksamen Gifts Nemazal wurde verboten.

Ausschließlich finanzielle Gründe

Bund Naturschutz hat daher die Stadt Nürnberg aufgefordert, eine umweltschonende manuelle Bekämpfung der Prozessionsspinner-Nester durchzuführen. Nur damit können ausschließlich Eichenprozessionsspinner und keine anderen Tiere bekämpft werden. Denn aus Sicht des BN hat der Insektizideinsatz allein finanzielle Gründe. Nach Angaben der Nürnberger Baumpflege kostet die Besprühung eines ca. 15 Meter hohen Baums 60 Euro, während das manuelle Absammeln der Nester mit ca. 140 Euro zu veranschlagen ist. Eine Differenz von 80 Euro pro Baum sollte aber zumindest die Pflege der Naturdenkmäler, von denen es in Nürnberg nur etwa 40 gibt, wert sein.

Verhältnismäßigkeit der Mittel!

Der Bund Naturschutz mahnt bei der Bekämpfung der Prozessionsspinner auch eine gewisse Verhältnismäßigkeit der Mittel an. 2008 gab es nach Auskunft des BRK bei Rock im Park weniger als zehn Betroffene, die wegen der akuten Reizung durch Spinnerhaare behandelt werden mussten. Zeckenbisse und Wespenstiche sind für viele Festivalbesucher sicher eine deutlich gravierendere Gefahr. Gegenüber den selbst verursachten Gesundheitsgefahren der Rockfans durch Alkohol etc erscheinen die Schmetterlingshaare z.T. fast vernachlässigenswert.

Geringe Wirksamkeit

Dabei kann auch nach erfolgter Besprühung der Bäume im Volkspark niemand sicher sein. Nach Aussage des Amtes für Landwirtschaft und Forsten (ALF) liegt die Wirksamkeit von Bt-Präparaten bei etwa 60 %, bei schlechtem Wetter kann sie noch deutlich geringer sein. D.h. selbst bei erfolgreicher Behandlung überleben etwa 40 % Prozent der Spinnerraupen.

Von den unbehandelten Waldgebieten im Osten des Geländes können auch sofort wieder Schmetterlinge einwandern, da die erwachsenen Tiere problemlos zwei Kilometer weit fliegen.

Geld für Nachpflanzungen statt Gift gegen Nachtfalter!

Fazit: Alle Bekämpfungsversuche lösen das Problem nur unzureichend und kurzfristig. Für den vergeblichen Ausrottungsfeldzug werden aber immense Mittel des knappen städtischen Grünflächenetats verschwendet. Gelder, die für eine dauerhafte Pflege des Volksparks besser angelegt wären. Denn gerade dieser Park hatte in den letzten Jahren massiv unter Großveranstaltungen zu leiden.

Von einst über 2900 Bäumen sind nach Auskunft des städtischen Baumkatasters nur noch 2431 vorhanden. Die Lücken der dramatischen Fällarbeiten sind für viele Parkbesucher augenfällig. Was fehlt ist aus Sicht des BN ein schlüssiges Besucherkonzept für Rock im Park. Gefährdete Bereiche müssen sicher mit Bauzäunen abgesperrt werden. Dadurch lässt sich die Gesundheitsgefahr minimieren und die Natur wirksam schützen. Die Verantwortungslosigkeit liegt nicht in der fehlenden Bekämpfung, sondern darin zigtausende von Besuchern unter hochgradig befallenen Bäumen defilieren zu lassen.

 Folgende Richtlinien müssen zusammenfassend aus Sicht des Nürnberger BNs für den Umgang mit dem Eichenprozessionsspinner gelten:

  1. Dass der Prozessionsspinner in bestimmten Situationen bekämpft werden muss, steht auch beim BN außer Frage. Der großflächigen Verbreitung des Falters in unseren Wäldern und Parkanlagen ist weder mit Gift noch mit alternativen Verfahren dauerhaft und effizient beizukommen. Von der an Hysterie und Aktionismus grenzenden Phase wird man zu gewissen Formen der Akzeptanz finden müssen.
  2. Alternativen Verfahren ist bei der Bekämpfung der Vorzug zu geben. Dazu zählen neben dem Einsatz der Bio-Lockstoffe (Pheromone) auch das bewährte Absammeln der Nester, das Abflammen oder das Besprühen mit Wasserglas.
  3. Befallene Bäume oder Gehölzbestände sollten unbedingt grundsätzlich mit Warnschildern gekennzeichnet werden. Gegebenenfalls ist eine Absperrung mit Bändern oder in Einzelfällen mit Bauzäunen (z.B. bei Großveranstaltungen) durchzuführen. Dies gilt auch nach dem Einsatz von Giftstoffen. Große Besuchermengen direkt unter stark befallenen Bäumen zuzulassen ist in jedem Fall verantwortungslos.
  4. Vor einem Gifteinsatz ist eine genaue Befallsprognose zu erstellen. Der quasi präventive und großflächige Einsatz ökologisch hochproblematischer Gifte (z.B. an Autobahnrändern etc.) ist aus Sicht des Naturschutzes nicht akzeptabel.
  5. Beim Einsatz von Giften sind die einschlägigen Bestimmungen des Naturschutz- und Umweltrechts zu beachten (z.B. Pflanzenschutzgesetz).

 Pheromon – ein moderner und ökologischer Weg

Angesichts dieser Tatsachen wird die aktuelle Initiative des Servicebetriebs öffentlicher Raum (SÖR) zur Ausbringung von Pheromonfallen vom BN ausdrücklich begrüßt. Die Stadtverwaltung hat damit absolut konstruktiv auf die Anregungen des Naturschutzverbandes reagiert. Der Bund Naturschutz hofft, dass der Einsatz von Gift damit weitgehend minimiert werden kann.